intuitiv richtig – Psychologische Beratung
Dr. phil. Peter Flury-Kleubler, Psychologe FSP, Einzel- und Paarberatung, St. Gallen

 

Weltbilder

Nicht alle Schwierigkeiten, denen wir im Leben begegnen, haben etwas mit uns persönlich zu tun (vgl. Lebenswelten). Vieles liegt auch den Bedingungen, denen wir in unserer Lebenswelt begegnen. Und dahinter stecken größere Zusammenhänge. Deshalb gebe ich Ihnen hier Hinweise auf Bücher, die auf den ersten Blick nicht psychologische Themen zum Inhalt haben. Schaut man hingegen länger und genauer hin, wird klar, dass die ökonomischen, ökologischen und sozialen Probleme, die uns beschäftigen, sehr viel damit zu tun haben, was kollektiv in unseren Köpfen vorgeht.


Klimawandel

Wie Menschen leben können, hängt in höchstem Maße von Umweltbedingungen ab, von gesellschaftlichen und ökologischen. Gesellschaftliche Bedingungen beeinflussen ökologische und umgekehrt.

Joseph Romm erklärt, was heute zum Thema Klimawandel wissenschaftlicher Konsens ist. Er erläutert auch, wieso jedermann dies wissen sollte.

Die Fakten:

  • Es wird wärmer. Dass sich die Erde im Durchschnitt erwärmt, ist mittlerweile mit einer Sicherheit belegt, die dringenden Anlass gibt, sich mit dem, was sich abzeichnet, ernsthaft auseinanderzusetzen.
  • Es wird massiv wärmer. Die Vorhersagen der Klimamodelle haben sich als zu optimistisch erwiesen. Es wird schneller warm und er wird heißer als von den meisten Modellen prognostiziert, weil die Modelle wichtige Selbstverstärkungsmechanismen nicht berücksichtigen.
  • Die Erwärmung wird vom Menschen verursacht. Heute ist auch robust belegt, weshalb sich das Meer, die Erdoberfläche und die Atmosphäre erwärmen: Der Mensch hat den Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre gegenüber dem vorindustriellen Niveau bereits massiv erhöht und tut es weiterhin. Seit es Homo Sapiens gibt, gab es noch nie so viel Kohlendioxid in der Luft.
  • Die massive Erhöhung des Kohlendioxidgehalts der Atmosphäre verändert alle Lebensräume – auch das Meer. Das zusätzliche Kohlendioxid in der Luft wird in einem Maße vom Meer aufgenommen, durch welches es massiv saurer wird. Die Übersäuerung des Meers gefährdet einen Großteil des Lebens im Wasser und dadurch auch die Ernährung der Menschheit.

Kritiker und Zweifler, welche nicht wahrhaben wollen, was geschieht, weisen darauf hin, in der Erdgeschichte sei es schon heißer gewesen und habe es schon mehr Kohlendioxid in der Luft gehabt. Sie verkennen aber, dass es damals keine Menschen gab und unter diesen Bedingungen die heutige Biodiversität und die bereits über 7 Milliarden Menschen keine Chance hätten, sich schnell genug anzupassen. Frühere große Freisetzungen von Kohlendioxid – damals durch natürliche Ursachen – führten mehrmals in der Erdgeschichte zum Aussterben eines großen Teils der in jener Zeit lebenden Tier- und Pflanzenarten.

Demagogen behaupten immer wieder, wenn es an einem Ort, eine Zeit lang kalt ist oder schneit, „seht, die Klimaerwärmung gibt es nicht“. Doch manche Zusammenhänge sind auf den ersten Blick paradox: 

  • Eine globale Erwärmung führt teilweise lokal zu mehr Schnee.
  • Da periodische Schwankungen den langfristigen Trend überlagern, kann es kurzfristig kälter werden.
  • Der Zusammenhang zwischen dem Kohlendioxidausstoß und der Klimaerwärmung ist nicht linear. Es gibt Selbstverstärkungseffekte – etwa durch Wasserverdunstung, Wald- und Torfbrände, Schmelzen der Gletscher und Tauen der Permafrostböden. Und es gibt Kippeffekte, durch welche die Erwärmung selbst dann weitergeht, wenn der Kohlendioxidausstoß gebremst oder gestoppt wird.

Die Vorstellungen breiter Bevölkerungskreise und vieler Politiker über die Zusammenhänge zwischen menschlichem Handeln und dem Klima stehen erschreckend in Widerspruch zu den physikalischen Realitäten: 

  • Die Wirkungen des Kohlendioxidausstoßes auf das Klima treten um Jahrzehnte verzögert ein. Die Klimaauffälligkeiten, die wir heute beobachten, sind überwiegend die Folge des Handelns im letzten Jahrhundert. Die Folgen des seither massiv weiter gestiegenen heutigen globalen Ausstoßes werden wir oder unsere Kinder erst in Zukunft in vollem Maße zu spüren bekommen. Hintergrund dieser Verzögerung ist, dass das Klima nicht direkt auf den Ausstoß von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen reagiert, sondern auf deren Konzentration in der Atmosphäre.
  • Wenn wir den Kohlendioxidausstoß erst dann massiv reduzieren, wenn die Klimaveränderung und deren Folgen bereits katastrophal sind, ist eine Entwicklung in Gang gekommen, die für Jahrtausende unumkehrbar ist und selbst dann weiterläuft, wenn zu jenem Zeitpunkt die Emissionen vollständig gestoppt werden.

Joseph Romm zeigt auf, was geschieht, wenn wir nicht schnell genug stark genug Gegensteuer geben. Die Erde wird großräumig lebensfeindlich und um die geschrumpften Lebensräume wird hart gekämpft.

Wir haben es in der Hand, wie stark der Kohlendioxidausstoß, die Erwärmung und die weiteren Folgen weitergehen, individuell und kollektiv. Sowohl über unser eigenes Alltagshandeln als auch über unser politisches Handeln nehmen wir Einfluss.

Die erforderliche Verminderung der Emissionen ist über einen veränderten Umgang mit Energie zu erreichen, weil der Kohlendioxidausstoß hauptsächlich von fossilen Energieträgern stammt. Die Hauptsäulen hierfür sind eine höhere Energieeffizienz vor allem durch bessere Gebäudeisolation und energiesparendere Verkehrsmittel sowie der Ersatz fossiler Energieträger durch nichtfossile.

Joseph Romm nennt die Mittel, um höhere Energieeffizienz und die Entkarbonisierung der Energienutzung im nötigen Umfang voranzutreiben:

  • Abgaben auf fossilen Energieträgern: In der Form von Lenkungsabgaben, welche der Allgemeinheit über Steuersenkungen zurückerstattet werden, sind diese sogar staatsquotenneutral.
  • handelbare Emissionsrechte: Der Staat muss hierbei das handelbare Emissionsvolumen festlegen.

Voraussetzung für die genügende Wirksamkeit dieser Mittel ist es, dass die Abgaben hoch genug sind und das Emissionsvolumen tief genug ist.

Wir haben heute nicht mehr die Wahl, eine vom Menschen gemachte Klimaerwärmung zu verhindern. Wir haben nur noch die Wahl, diese Klimaerwärmung auf einen Wert zu begrenzen, der nicht zu Folgen führt, welche unsere Kinder und Enkel überfordern wird. Diese Wahl haben wir!

Englische Originalausgabe

Joseph Romm: Climate Change. What everyone needs to know. Oxford.

 

Klimasprünge: Wieso Klimaerwärmung eine neue Eiszeit auslösen kann

Nicht alles, was für unser Leben essenziell ist, kann man so weit vereinfachen, dass es für populistische Politik verdaulich ist. William H. Calvin versucht Fakten rund um die Klimageschichte mit jener Ernsthaftigkeit zu erklären, die notwendig ist, wenn unsere und unserer Kinder Zukunft davon abhängt.

Die aktuelle Diskussion über Klimaveränderung bezieht sich fast ausschließlich auf die primär vom Menschen verursachte schleichende globale Erwärmung. Wenn man die Klimageschichte sehr weit zurückverfolgt, fällt auf, dass es immer wieder schnell ablaufende Veränderungen gegeben hat. Innerhalb weniger Jahre erfolgten eigentliche Klimasprünge.

Das Weltklimasystem wechselt zwischen mehreren über Jahrhunderte bis Jahrtausende stabilen Zuständen:

  • heiß-feucht mit einer bis in den höchsten Norden reichenden warmen oberflächlichen Süd-Nord-Meeresströmung und entsprechender Gegenströmung in der Tiefe
  • kühl-trocken mit einer weniger weit in den Norden reichenden warmen Süd-Nord-Meeresströmung und entsprechender Gegenströmung
  • ein Zustand, bei welchem die großen Süd-Nord-Süd-Meeresströmungen stark abgeschwächt sind oder fehlen (ein sogenanntes Heinrich-Ereignis)

Seit 8000 Jahren ist das Weltklimasystem im heiß-feuchten Zustand. Dies gilt trotz der im Mittelalter eingetretenen sogenannten kleinen Eiszeit. Die damit verbundene Abkühlung war viel schwächer als das, was beim Wechsel des Weltklimas vom heiß-feuchten in den kühl-trockenen Zustand zu erwarten ist.

Die bisherigen Klimasprünge – im Unterschied zur aktuell ablaufenden globalen Erwärmung – wurden nicht vom Menschen verursacht. Doch mit dem heutigen Ausmaß an menschlicher Einwirkung auf das Klima steigt das Risiko erheblich, dass der Mensch einen solchen Klimasprung auslöst, längst bevor ein solcher natürlicherweise eintreten würde. Die vom Menschen gemachte langsame Erwärmung kann über eine Veränderung von Meeresströmungen ein schnelles Kippen des Weltklimas auslösen.

Die Zusammenhänge des Weltklimasystems sind nicht linear. Es gilt nicht einfach ein je mehr, desto mehr. An verschiedenen Punkten verändert das System seine Eigenschaften. Es kippt, entweder ins Übermaß oder ins Gegenteil.

Einer dieser zu erwartenden Kippeffekte ist das Erliegen des Golfstroms. Das würde für Europa eine schnelle und massive Abkühlung bedeuten und das Risiko einer neuen Eiszeit.

Ohne Golfstrom hätte Europa bei global heiß-feuchtem Klima angesichts des Breitengrades ein Kanada vergleichbares Klima. Kanadas Landwirtschaft ernährt 28 Millionen Menschen, Europas Landwirtschaft über 650 Millionen. Kippt das Klima, gibt es in Europa innert weniger Jahre für den Großteil der Bevölkerung keine Lebensgrundlage mehr. Es ist nicht anzunehmen, dass wir 650 Millionen Europäer von heute auf morgen woanders auf diesem Planeten willkommen wären.

Die großen Meeresströmungen werden zum einen durch Winde und zum anderen durch das Absinken von Wasser mit hohem Salzgehalt angetrieben. Nimmt der Salzgehalt an bestimmten Stellen im Nordatlantik stark ab, schwächen sich diese Meeresströmungen ab oder kommen zum Erliegen. Dies ist möglich durch große Süßwassermengen abschmelzender Gletscher Grönlands oder durch große durch die Klimaerwärmung gesteigerte Regenwassermengen.

William H. Calvin macht auf das Risiko aufmerksam, dass die seit der landwirtschaftlichen Revolution von Millionen auf Milliarden angestiegene Weltbevölkerung weit über einem Stand liegt, der es dem Menschen erlauben würde, sich durch Wanderung genügend rasch an Klimasprünge anzupassen. Die Lebensgrundlagen einer verstädterten Welt sind äußerst labil. Heute ernähren zwei Prozent der Bevölkerung durch ihre landwirtschaftliche Tätigkeit dank einem stark ausgebauten Transport- und Handelssystem die übrigen 98 Prozent. Dieser Zustand ist in keiner Weise robust.

Calvin macht keine Prognose, ob es noch in diesem Jahrhundert zum Einbruch einer neuen Eiszeit kommt. Er unterscheidet vielmehr relevante Szenarien, deren Eintritt so dramatische Konsequenzen hätte, dass es dringend geboten und klug ist, Vorkehrungen zu treffen. Wenn wir es weiterhin verpassen, den Kohlendioxidausstoß massiv zu reduzieren, riskieren wir ein Szenario, bei dem die Mehrzahl unserer Nachkommen keine Chance hat.

Es sind Verantwortung und Vernunft angesagt in einer Zeit, in der die Politik sich außerstande zeigt, sich mit einer komplexen Wirklichkeit ernsthaft auseinanderzusetzen, von der die Zukunft des Menschen abhängt.

Englische Originalausgabe

William H. Calvin: A Brain for All Seasons. Human evolution and abrupt climate change. The University of Chicago Press.


„Rettet den Kapitalismus“ – Wie die Regeln der Marktwirtschaft korrumpiert worden sind und wie sich das ändern lässt

Robert Reich hat für drei verschiedene US-Regierungen gearbeitet, unter anderem als Arbeitsminister in der Regierung von Bill Clinton. Nach Robert Reich verfehlt die Debatte zwischen Links und Rechts, ob es mehr freie Marktwirtschaft oder mehr staatliche Eingriffe brauche, den Punkt. Ein „freier Markt“ basiert immer auf den Regeln, die der Staat etabliert. Er zeigt auf, wie diese Regeln im Lauf der Zeit verändert worden sind und von wem.

Es geht um Regeln, was man besitzen kann, wieviel Marktmacht einzelne Firmen maximal haben dürfen, was man zu welchen Bedingungen kaufen und verkaufen darf, was geschieht, wenn ein Marktteilnehmer nicht zahlen kann, und wie man sicherstellt, dass die Regeln eingehalten werden.

Wie Reich belegt, verdienen die Menschen in der sogenannten freien Marktwirtschaft nicht, was ihnen in einem moralischen Sinne gerechterweise zusteht, sondern was die im Rechtssystem verankerten Regeln zulassen. So haben manche aller Anstrengung zum Trotz keine Chance, durch ihre Arbeit auch nur das zu einer würdigen Existenz Notwendige zu erwirtschaften, die „Working Poor“. Andere wiederum können ohne Arbeit, allein durch die Erträge ihres Vermögens ein Einkommen erzielen, das ein Vielfaches des Durchschnittseinkommens beträgt, die „Non-Working Rich“. Dazwischen ist eine schrumpfende Mittelklasse mit stagnierenden oder sinkenden Einkommen.

Die heutigen von den Trägern der Macht durchgesetzten Regeln führen über die vermeintlich dem freien Markt innewohnenden Kräfte automatisch und systematisch zu einer gigantischen Wohlstandsumverteilung von unten nach oben. Was der Staat dann über Steuern und Unterstützungsleistungen von oben nach unten umverteilt, ist nur eine bescheidene Teilkompensation, die bei weitem nicht ausreicht zu verhindern, dass die Schere zwischen den Einkommens- und Vermögensschichten immer weiter aufgeht. Reichs  Analyse bezieht sich auf die Situation in den USA, gilt aber in vielem weltweit. Reich zeigt auf, wie sich die Situation ändern lässt, wenn die von dieser Situation benachteiligte Mehrheit sich zusammentut.

Deutsche Ausgabe

Robert Reich: Rettet den Kapitalismus! Für alle, nicht für 1 %. Campus.

Englische Originalausgabe

Robert Reich: Saving Capitalism. For the many, not the few. Icon.

  

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