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Dr. phil. Peter Flury-Kleubler, Psychologe FSP, Einzel- und Paarberatung, St. Gallen

 

Menschenleben

Geschichten über das Leben anderer Menschen faszinieren uns, ganz besonders wenn sie wahr sind. Genau deshalb sind Biografien so beliebt. Und Autobiografien – also die Geschichte, die jemand über sein eigenes Leben anderen erzählt.

Mich hat beim Lesen der nachfolgenden Lebensgeschichten berührt, welche Herausforderungen diese Menschen in ihrem Leben gemeistert haben und welche psychischen Ressourcen ihnen dies möglich gemacht haben.

Margaux Cassan: Vivre nu. Grasset.

Mit zwei Jahren durfte Margaux Cassan zum ersten Mal mit Onkel Anselme und Tante Jeanette in ein Naturistencamp in Südfrankreich in die Ferien – unter der Bedingung, dass sie bis dahin windelfrei wurde. Ihre Großmutter kam extra vorbei, um ihr beizubringen, auf den Topf zu gehen, indem sie mit ihrem Mund eine Musik spielte, die das Rauschen eines Flusses nachmachte. Jeanette war so berührt, dass sie weinte.

Sommer für Sommer war Margaux in ihrer Kindheit in Bélézy. Ihre Kindheit, schreibt sie, habe sie nackt verbracht, umgeben von nackten Körpern. Sie lebte in der einfachen Freude darüber, wie das vergilbte Gras an ihren Knöcheln kratzte, wie die brennende Sonne mittags auf ihren Bauchnabel fiel. Erst später erlebte sie, dass ihre Nacktheit für andere eine Grenzüberschreitung war, eine Quelle von Fantasien und sogar eine Straftat.

Als auf dem Venushügel drei Haare wuchsen und die erste Monatsblutung kam, ging sie nicht mehr nach Bélézy – aus Scham.

Mit achtzehn kehrte sie zurück nach Bélézy.

Margaux Cassan ist Philosophin und Schriftstellerin. Mit 26 Jahren hat sie mit „Vivre nu“ ein wichtiges Buch über die Nacktheit geschrieben. Und über den Unterschied zwischen Naturismus und Nudismus. Für den Naturismus gilt es, Nacktheit von Erotik zu trennen. Es geht nicht darum, den Körper zur Schau zu stellen und ihn erotisch aufzuladen, indem er stellenweise mit knappen, vielleicht sogar durchsichtigen Textilien bedeckt wird. Und dennoch, anerkennt Margaux Cassan, gibt es selbstverständlich das Begehren.

Ihr Text ist auch ein politischer Text. Gewalt zwischen den Geschlechtern hat sehr viel damit zu tun, dass kollektive geschlechtergemischte Nacktheit tabuisiert oder in Sphären verlagert wird, in denen Nacktheit pervers aufgeladen wird.

Das Problem sind nicht die Nackten, sondern die Textilen – jene, die auch bei wohlig warmen Temperaturen in Kleidern herumlaufen.

Eva Mozes Kor: Die Macht des Vergebens. Benevento.

Das erste Kapitel zu lesen im Buch von Eva Mozes Kor, habe ich nur mit langen Pausen ausgehalten. Es trägt den Titel Auschwitz. Immer wieder musste ich innehalten. Eva Mozes Kor hat als Zehnjährige das Mädchenlager in Birkenau, das auch als Auschwitz II bezeichnet wurde, überlebt.

Sie hatte Tag für Tag nur ein Ziel: Überleben.

Dass Sie am Schluss tatsächlich zu den wenigen Überlebenden gehörte – im Verhältnis zur riesigen Zahl der Toten – ist angesichts der Umstände, die Sie beschreibt, unvorstellbar!

Soweit weist ihre Biografie Parallelen auf zur Biografie anderer Überlebender. Was mich jedoch zutiefst herausfordert, ist, wie Sie es später in Ihrem Leben geschafft hat, Ihren Peinigern zu vergeben. Eva Mozes Kor war sich bewusst, dass Sie sich damit letztendlich selbst befreien können würde von der Last des Hasses und Zorns in ihr.

Fast 50 Jahre später besuchte sie den Arzt, der im Lager tätig war, in welchem sie ihre Familie und ihre Kindheit verloren hatte. Sie war davon ausgegangen, ein Monster zu sehen. Aber er war nett. Ein höflicher alter Mann. Im Laufe der Begegnung versank er in Scham und Horror. Vor ihr saß ein gebrochener Mann. Als dieser alte Mann später Zielscheibe von Hassattacken wurde, empörte Sie sich öffentlich darüber. Sie wollte aufzeigen, dass auf diese Weise der Kreislauf von Gewalt weitergeht. Und Sie empfand Mitgefühl.

Alex Schulman: Verbrenn all meine Briefe. dtV.

Alex Schulman beschreibt, wie er dem Ursprung seines unbändigen Zorns auf die Spur geht, der ihn immer wieder dazu bringt, sich und anderen weh zu tun.

Alex Schulman bezeichnet sein Buch ausdrücklich als Roman. Dahinter stehen richtige Menschen und wahre Begebenheiten aus seiner Herkunftsfamilie. Alex Schulman zeigt einerseits, wie gnadenlos Verletzungen von Generation zu Generation weitergegeben werden. Und andererseits, dass es möglich ist, diesen Lauf zu beenden – wenn man sich der Geschichte bewusst wird und sich ihr stellt.

John Elder Robison: Schau mich an! Mein Leben mit Asperger. Rad und Soziales.

Wir Menschen wachsen unter Bedingungen auf, von denen manche nährend sind und andere hinderlich. John Elder Robison erzählt, wie er es trotz extremer Hindernisse geschafft hat, Entscheidungen zu treffen, die ihn „zu einem ziemlich guten Leben führten“. Die Autobiografie Robisons zeigt eindrücklich, was Resilienz ist, die menschliche Fähigkeit, die Widerwärtigkeiten des Lebens zu bewältigen und zu transformieren. Und er schildert die Ressourcen, die ihm dies ermöglicht haben.

Robisons Eltern hatten beide eine hochgradig unglückliche Kindheit und zogen einander wechselseitig ins Unglück. Robisons Vater war schwer alkoholsüchtig und zeitweise jähzornig. Robisons Mutter wurde schizophren. Zudem waren beide schwerst nikotinabhängig und verwahrlosten zusehends.

Robison ist mit dem Asperger-Syndrom geboren worden, einem Phänomen aus dem Autismus-Spektrum, ohne dass er dies wusste. Als ihm mit vierzig ein Freund, der Psychotherapeut war, die klinische Beschreibung vorlegte, fühlte sich Robison rundum gesehen und fragte „Ja, gibt es denn eine Heilung?“ Der Freund antwortete: „Das ist keine Krankheit. Das bedarf keiner Heilung. Es besagt einfach, wie du bist.“

John Elder Robison schrieb: „In vielen Darstellungen des Autismus und des Asperger-Syndroms heißt es über Menschen wie mich, wir würden keinen »keinen Kontakt mit anderen haben wollen« oder »lieber allein spielen«. Ich kann zwar nicht für andere sprechen, aber ich möchte doch hinsichtlich meiner eigenen Gefühle ganz klar feststellen: Ich wollte niemals allein sein. Und all jene Kinderpsychologen, die sagten: »John spielt lieber allein«, lagen völlig falsch. Ich spielte allein, weil ich darin scheiterte, mit anderen zu spielen. Ich war allein aufgrund meiner eigenen Begrenztheiten, und allein zu sein war eine der bittersten Enttäuschungen meiner Kindheit und Jugend.“

Jens Andersen: Astrid Lindgren. Ihr Leben. Deutsche Verlags-Anstalt.

Beim Lesen der schwedischen Fassung dieser im Original dänischen Biografie über das Leben der so facettenreichen Kinderbuchautorin Astrid Lindgren habe ich mein Taschentuch oft gebraucht. Sie ist ein Leben lang sich selbst treu geblieben. Dafür hat sie einen hohen Preis bezahlt, namentlich in Form einer schmerzhaft langen Trennung von ihrem ersten Sohn.

Astrid Lindgren hat in ihrer Kindheit viel Zeit spielend in der Natur erlebt. Aus dieser Ressource hat sie ein Leben lang geschöpft und sich einen Zugang zur Welt der Kinder und zur Natur bewahrt, der unser Innerstes trifft. So ist ihr Werk auch für Erwachsene ein Geschenk, von Pippi Langstrumpf über die Brüder Löwenherz bis zu Ronja Räubertochter.

Die während eines großen Teils ihres Schaffens vermeintlich unpolitische Frau hat in späteren Jahren den Lauf der schwedischen Politik erheblich beeinflusst.

Sœur Marie-Paul Ross: La vie est plus forte que la mort. Michel Lafon.

Die leider nicht in deutscher Übersetzung erhältliche Autobiografie der kanadischen Ordensschwester Marie-Paul Ross ist hart zu lesen. Was sie bei ihren Einsätzen in Lateinamerika an Gewalt miterlebt hat, übersteigt, was Menschen normalerweise unbeschadet verkraften. Faszinierend ist, wie sie intuitiv in diesen Situationen ihren Körper als Ressource mobilisiert und wie sie Techniken nutzt, die zu den stärksten Werkzeugen der Traumatherapie gehören.

Als katholische, zölibatär lebende Ordensfrau hat sie gegen breitesten Widerstand durchgesetzt, dass sie Sexologie studieren durfte, um sich professionell für einen würdevollen Umgang mit der sexuellen Natur des Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche einzusetzen. Auf dem Höhepunkt der innerkirchlichen Verschwörung gegen sie begegnete sie dem damaligen Papst Johannes Paul II. Dieser ermunterte sie, ihr Engagement unbeirrt fortzusetzen.

 

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Dr. phil. Peter Flury-Kleubler, Psychologe FSP, Einzel- und Paarberatung, St. Gallen